JULIUS DEUTSCHBAUER – SUCHE DIE UNPOLITISCHSTE THEATERPRODUKTION WIENS 2017/2018

I. DER GROSSE GÖNNER / DIE GROSSE GÖNNERIN

Das Landestheater Niederösterreich für die dreimalige Verwendung des Spielzeitmottos „Die Welt ist groß“

Laudatio von Ali M. Abdullah

Spielzeitmotti beschäftigen die Dramaturgiestuben der deutschsprachigen Theater schon seit Jahrzehnten und sollen die Suggestion des potentiellen Zuschauers wie bei einem Mantra auf ein Maximum erhöhen. Um so endlich den neuen Aufbruch zu starten – mit noch mehr Schwung als in der letzten Spielzeit – oder um eine besondere inhaltliche Ausrichtung oder einfach nur eine marketingeffiziente neue Duftnote zu setzen.

Wie entstehen aber solche Motti? Wer findet bzw. erfindet diese?
Seit geraumer Zeit denkt man, sie werden direkt in den von den Theatern beauftragten PR-Agenturen generiert und mit einer kleinen Umfrage beim potenziellen Publikum gegengecheckt.

Nicht so im kleinsten Landestheater Österreichs, in St. Pölten.

Dort begnügt man sich seit der Eröffnung der neuen Intendanz mit einem einzigen Motto, das jetzt schon in die Dritte Spielzeit geht: DIE WELT IST GROß

Es erinnert mich stark an meine Anfängerjahre am Schauspiel Frankfurt, wo ich mich damals schon geschämt habe mit dem T-Shirt mit dem Spielzeitmotto herumzulaufen, das war glaube ich 1996/1997 – es hieß: „Theater für Alle“. Peter Eschberg war damals Intendant.

Manchmal passiert es auch, dass eine PR-Abteilung gleichzeitig für zwei Theater arbeitet und die Ideen quasi doppelt verkauft: So geschehen letzte Spielzeit am Theater Bielefeld und Am Schauspiel Leipzig. Bielefeld schmiss sich stolz mit dem Motto ICH an Ihr Publikum und die PR- Agentur mutierte den Text für ein völlig anderes Publikum ein paar Hundert Kilometer weiter weg im Osten mit ICH ICH ICH ICH ICH.

Nicht so in St. Pölten: Da hat man die PR-Kosten des Theaters seither drastisch zurückfahren können. Da hat man einmal viel Geld gezahlt für das entsprechende Motto, und jetzt kann man es sogar bilanztechnisch über mehrere Jahre abschreiben, die Frau Landeshauptfrau dankte damit explizit der Intendantin für die Innovation. Der Jury liegt hierzu allerdings das entsprechende Beweis-E-Mail nicht vor.

Versucht man jetzt herauszufinden wie die PR Agentur jetzt auf die Idee kam, fängt man einfach mal an, sich durchzugooglen – keine Sorge, ich werde jetzt nicht alles aufzählen – nur ein paar Ansätze vielleicht, was die PR Agentur hat inspirieren können:

„denn die welt ist groß und unser leben ist kurz“. – Sprichwörter und Redensarten im Werk von Max Frisch. Das wäre klassische Dramaturgie, Sprichwörter durchsuchen… Ok. Vielleicht.

Schauen wir weiter: Ein Tiroler Heimatlied:

„Wohl ist die Welt so groß und weit
Und voller Sonnenschein
Das allerschönste Stück davon
Ist doch die Heimat mein“

Ja, das könnte es sein…  Obwohl, Tirol in St. Pölten? … naja …

„Die Welt ist groß und du bist klein. Ja manchmal kann unsere Gesellschaft schon ganz schön einschüchternd sein, überhaupt für Hunde, die vielleicht keinen perfekten Start ins (Stadt)Leben hatten. Doch Emma ist soo eine tapfere und intelligente Maus. Denke nicht nur ich bin von den raschen Veränderungen beeindruckt. Weiter so!!!“

Eine Seite einer Hundetrainerin. Naja… vielleicht auch nicht ...

Ach ja, hier hab ich es! Das ist es:

„Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ ist der erste Roman des Autors Ilija Trojanow aus dem Jahr 1996. 2008 wurde ein gleichnamiger Film zum Roman veröffentlicht.

Das ist es. Ja.

Und hier noch ein Pressezitat: „Landestheater NÖ: Mit „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ gelingt ein fulminanter Neuanfang in der Inszenierung von Sandy Lopicic.“ – Mottingers Meinung.

Danke Google, ja, manchmal ist es doch so einfach – aber warum hat die PR Agentur eigentlich die Rettung nicht im Titel belassen? Oder aber: entwirft die PR-Agentur die Spielpläne gleich mit?

Spielzeitthema

HEIMAT UND ARSCHLOCH