JULIUS DEUTSCHBAUER – SUCHE DIE UNPOLITISCHSTE THEATERPRODUKTION WIENS 2017/2018

IV. DIE GRÖßTE SCHEINHEILIGKEIT

„The Who and the What“ von Ayad Akhtar am Burgtheater Wien, Inszenierung: Felix Prader

Laudatio von Duygu Özkan

Das Burgtheater mag Ayad Akthar. Das ist verständlich, der Autor hat einen Pulitzer-Preis bekommen und schreibt kontroverse, nachdenklich machende Stücke über das aktuelle Lieblingsthema der Welt: Muslime. Das Burgtheater holte also zunächst „Geächtet“ nach Wien, danach „The Who and the What“. Es geht um einen pakistanischen Vater und seine beiden Töchter, es geht um Tradition, Selbstbestimmung, Patriarchat, den Propheten Mohammed und die Rolle der Frau. Die Kritiker waren wohlwollend bis begeistert, was das Stück und die Besetzung betrifft, und das kommt nicht von ungefähr. Schauen wir uns die erstklassige Besetzung an:

(Tochter) Zarina: Aenne Schwarz
(Tochter) Mahwish: Irina Sulaver
(Vater) Afzal: Peter Simonischek
(Konvertit) Eli: Philipp Hauß

Eine Rezension des Stückes titelte der Standard mit „Migrantenkomödie am Akademietheater“, aber lustigerweise suchte man einen Migranten, der sich hätte angesprochen fühlen können, eher vergeblich. Immerhin war mit Irina Sulaver eine in Sarajevo geborene deutsche Schauspielerin engagiert. Worauf will ich hinaus? Fragen wir einmal so: Wie kann es sein, dass es unsere heilige Burg nicht schafft, mehr migrantische oder muslimische Schauspieler zu engagieren, die sich gemeinsam mit dem Publikum mit migrantischen und muslimischen Themen auseinandersetzen?

Aber gehen wir einen Schritt zurück: Natürlich, das Tauschen von Ethnien, das Hineinschlüpfen in andere Rollen, in Figuren, in Kostümen, das ist die Essenz der Theaterbühne. Ich persönlich habe noch nie ein Shakespeare-Stück gesehen, in dem Briten mitgespielt haben. Aber: Wenn wir eine hochaktuelle Thematik auf die Bühne bringen – und ich glaube, wir sind uns einig darüber, dass die Burg nicht irgendeine Bühne ist –, ein Stück, gleichsam hochpolitisch wie brisant, die sich mit einer religiösen Minderheit auseinandersetzt, die auch in Österreich sichtbar ist, wenn wir das also schon thematisieren, warum thematisieren wir das nicht mit den Betroffenen selbst? Es reicht nicht, Akhtar auf die Bühne zu bringen. Akhtar selbst kommt zur Premiere und fliegt danach wieder nach Hause, wir aber bleiben alleine mit seinem Stück zurück, und anstatt es zu authentifizieren, in unseren ureigenen Kontext zu setzen, bleiben wir oberflächlich, und vor allem bleiben wir brav.

Nun, jetzt nichts gegen Leistung der genannten Schauspieler. Nichts gegen Simonischek, einem Kapazunder in der Burg, dessen Wucht auf der Bühne wohl jeder kennt. Und genau darum geht es: Simonischeks Namen im Zusammenhang mit der Burg kennt die Stadt. Die Bühne am Ring transportiert seinen Namen durch die Zeitungen, durch die Straßenbahnen, durch das Fernsehen, durch die Taxis (angeblich kennt der gemeine Wiener Taxler den Spielplan der Burg auswendig). Die Burg als mächtige Bühne kann das, sie trägt die Namen der Hörbigers, der Morettis, der Obonyas, der Wesselys, und sie trägt sie mit Stolz. Es geht also darum, dass die Burg eine Mahwish, die Eltern oder Großeltern aus Pakistan hat, aus Ägypten, aus der Türkei oder aus Nigeria, sucht euch ein Land aus, dass also die Burg den Namen von Mahwish in die Stadt trägt. Und zwar nicht nur eine Saison lang.

In diesem Sinne geht der Hauptpreis in der Kategorie „Die größte Scheinheiligkeit“ an das gelobte Burgtheater, der wichtigsten Bühne im deutschsprachigen Raum, für die Besetzungspolitik im Stück „The Who and the What“, wir gratulieren den Gewinnern!

Spielzeitthema

HEIMAT UND ARSCHLOCH