Wenn der Druck im Kessel steigt, ist auf Anstand und Moral schon mal gepfiffen. Dann gilt es nur noch, schnell ein Ventil zu finden, über das der aufgestaute Druck entweichen kann, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Das gilt für das Gruppenbesäufnis am Ballermann wie für eruptive Gewaltausbrüche – und das gilt auch für das westliche Gesellschaftsmodell, das seinen historischen Erfolg maßgeblich der Idee verdankt, soziale Spannungen durch Rechtsstaatlichkeit, Redefreiheit und eine halbwegs gerechte Verteilung des stetig steigenden, gesellschaftlich produzierten Wohlstands aufzufangen.

Das ging gut, solange dieser Konsens von allen Seiten geachtet wurde und die globale Vorherrschaft des Westens grundsätzlich ungebrochen war. Seit jedoch eine radikalisierte Marktideologie jenen auf Ausgleich bedachten Gesellschaftsvertrag sukzessive aufkündigte und die vormals Subalternen immer öfter und vernehmlicher die Stimme erheben, ist wieder zu beobachten, wie dünn das zivilisatorische Eis und wie wacklig jene vermeintlich so sicheren Fundamente aus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind. Sichtbarster Ausdruck dieser Verrohung mögen oberste Repräsentanten mit gelben Haaren und Segelohren sein, doch setzt sie sich bei genauerem Hinsehen bis in die Alltagspraxis unserer Gesellschaften fort. Dabei geht es natürlich um den Umgang mit Geflüchteten im Mittelmeer und die offenkundige Aussetzung von Menschenrechten durch EU und USA. Aber es geht ebenso um eine neue Form des Wohlstandschauvinismus, der als „aggressiver Wohlstand“ im Begriff ist, zum Narrativ einer ganzen Kultur zu werden.

Denn der Westen hat seiner eigenen Krise nur noch ein trotziges Weiter-so entgegenzusetzen. Der Finanzkrise wird mit weiterer Deregulierung begegnet, dem wirtschaftlichen und technologischen Wandel mit weiterer Prekarisierung der Arbeit, der Klimakrise mit noch mehr Billigflügen und noch PS-stärkeren Autos. Von Washington bis Wien hält eine restaurative, chauvinistische und zunehmend aggressive Politik Einzug – und es gibt einstweilen keine nennenswerten Kräfte, die dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen hätten. Österreich, Europa, ja der ganze Westen erscheinen auf der Weltbühne immer mehr wie testosterongesteuerte Cis-Männer am Steuer von Zuhälterkarossen, deren Heck von Sprüchen wie etwa „Eure Armut kotzt mich an“ geziert wird.

Daher schlägt die Spielzeit 2018/2019 im WERK X neue Töne an. „Erschlagt die Armen!“ von Shumona Sinha in der Inszenierung von Nina Kusturica geht dem systemimmanenten Zynismus im Umgang mit Geflüchteten nach, Harald Posch wird in seinem Zugriff auf Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ untersuchen, wie Medien ihren Beitrag zur Radikalisierung und Hysterisierung der gesellschaftlichen Diskussion leisten. Weitere Arbeiten und Projekte werden sich der Krise des Westens und den Perspektiven des globalen Zusammenlebens widmen.

 

Spielzeitthema

EURE ARMUT KOTZT MICH AN