Sie würden es sich bei einem Aperitif auf der Terrasse ihres Grand Hotels am Rande des Abgrunds gutgehen lassen und geistreiche Debatten über das vor ihnen liegende Desaster führen, unterdessen „die Probleme des verfaulenden Kapitalismus immer offensichtlicher unlösbar“ würden, warf Georg Lukács 1962 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor. Die Terrasse des gleichen Grand Hotels ist auch heute gut besucht, es haben sich lediglich andere ProtagonistInnen eingefunden – und man diskutiert seltener über dialektische Umkehrung und „Instrumentelle Vernunft“. Stattdessen geht es etwa um die Frage, ob man sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zu viel mit Identitätspolitiken beschäftigt habe, ob politische Korrektheit Sprechverbote produziere und Linke und Liberale am international zu verzeichnenden Aufstieg einer neuen Rechten am Ende selbst schuld seien. Damals wie heute kann „der tägliche Anblick des Abgrunds zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“

Wo allerdings Georg Lukács sich eine „Stimmung der permanenten Verzweiflung über den Weltzustand“ bescheinigte, dürften wir uns im Jahr 2017 eine tiefe Depression attestieren – und zwar nicht nur weil der „Weltzustand“ in vieler Hinsicht dramatischer und bedrohlicher erscheint als zu Beginn der 1960er-Jahre. Im Angesicht nicht mehr beherrschbar erscheinender Bedrohungsszenarien und eskalierender globaler Konflikte, im Angesicht von Digitalisierung und Biotechnologie hat sich das Verhältnis von politischer Praxis und theoretischer Reflektion weiter entfremdet. Der politische Apparat verwaltet den Status quo, die kulturellen und gesellschaftlichen Verblendungszusammenhänge verschleiern effektiv den Blick auf das Eigentliche. Wo Lukács seinen ZeitgenossInnen verbreitet „transzendentale Obdachlosigkeit“ bescheinigte, reichte auch dieser Begriff kaum mehr aus, um den „kapitalistischen Realismus ohne Alternative“ zu beschreiben, dessen Regime die Gegenwart beherrscht. Denn obdachlos sind heute nicht nur jene, die keine religiösen Antworten auf gesellschaftliche und politische Fragestellungen akzeptieren wollen – von Obdachlosigkeit betroffen scheinen vielmehr alle, die den alles vereinnahmenden Kapitalismus der Jetztzeit als einzig verbliebene Macht in Frage stellen.

Lukács’ metaphorisches „Grand Hotel Abgrund“ soll in der Spielzeit 2017/2018 daher nicht nur als Ausgangspunkt dienen, um über den weiter vor sich hin faulenden Kapitalismus zu sprechen, wir wollen auch danach fragen, welche Perspektiven die Nachfahren der Kritischen Theorie auf die globale soziale Realität unserer Tage werfen. Nicht zuletzt wollen und müssen wir auch dem Verdacht nachgehen, dass der polemische Vorwurf, es sich am Rande des Abgrunds gemütlich zu machen, auch auf uns, vor allem auf Vorträge und Diskussionen in Theatern und anderen kulturellen Einrichtungen, zutreffen könnte.

 

Spielzeitthema

GRAND HOTEL ABGRUND