Wo die Madln schoarf sind, wo der Mann noch Herr im Haus ist, wo „Gutmenschen“ nichts zu sagen haben und die Welt des chauvinistischen Arschlochs ganz allgemein noch in Ordnung ist: Da ist Heimat. Es ist jener idyllische Ort, wo die Kirche im Dorf geblieben ist und der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, wo niemand aufmuckt, wenn Kritik erstickt wird, bevor sie auch nur keimt und wo zersetzende Elemente umgehend und restlos ausgemerzt werden. Alles, damit die Arschlöcher unbehelligt bleiben. Unbehelligt von der Welt und von den Anderen. Beides bleibt den Arschlöchern unverständlich und hängt doch so eng zusammen: Die Welt da draußen und die Anderen, diese undurchschaubare und zutiefst unösterreichische Melange der so genannten modernen Gesellschaft. Bei den Anderen ist das Bedürfnis nach Heimat, nach Sicherheit und volksdeutscher Idylle ebenso wenig vorhanden wie der Wunsch nach Unterjochung. Dort schwafelt man was von Gleichberechtigung und Menschenrechten und Befreiung und will den Arschlöchern Schuldkult und die unmännlich-degenerierte westliche Demokratie aufzwingen.

Doch der Endkampf naht. Im Lager der Arschlöcher bläst man seit Langem zum Angriff. Es soll endlich wieder werden, wie es nie zuvor war. Einfach strukturiert und auch dann ohne größere Mühen verständlich, wenn es am Abend zuvor mal wieder zu viel Red Bull mit Wodka gab. Und sonst nichts. Bleibt die Frage, ob man sich im Hauptquartier der Arschlöcher verzockt hat, ob die Linien der Aufklärung und des Humanismus am Ende stärker sind als die Fieberträume von Heimat und nationaler Größe.

Darum ist der Spielplan am WERK X heuer geprägt von modernen österreichischen Klassikern, die uns vor Augen führen, dass der gegenwärtige Wahnsinn Autoren wie Ludwig Anzengruber vor rund 140 Jahren oder Ödön von Horváth vor etwa 90 Jahren in verblüffend ähnlicher Form bekannt war und zum Gegenstand ihres Schreibens wurde.

Den Anfang macht die interkulturelle Performancetruppe Gintersdorfer/Klaßen, die sich zusammen mit dem „Nino aus Wien“ an Horváth abarbeiten und eine vermutlich ungewohnte Perspektive auf Österreich und seine verkorkste Kolonialgeschichte eröffnen wird, die für manche bis heute andauert und so wenig aufgearbeitet wurde wie der Nationalsozialismus.

Die einst stolzen Sozialdemokratien sind fast überall in Europa im Sinkflug begriffen – und geben doch fast nirgends ein so erbärmliches Bild ab wie hierzulande. Einer Heimsuchung solchen Ausmaßes geht eine Geschichte voraus, die in der vierteiligen „Arbeitersaga“ erzählt wird, einem Sittenbild der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und ihrer schüchternen Flirts mit kulturellen Öffnungen.

Mit eher geschlossenen Weltbildern nimmt es „Der Gwissenswurm - the unintentionally end of Heimat“ auf, ein Text, der in einer Epoche entstand, als die Sozialdemokratie als modernste politische Bewegung ihrer Zeit im Entstehen und die Annahme verbreitet war, auch die ländliche Gesellschaft sei empfänglich für Ideen sozialer Befreiung. Harald Posch wird in die Tiefen reaktionärer Religiosität eintauchen und vom Scheitern der Moderne in den dunklen Tälern der Alpen berichten.

 

Des Weiteren wird sich Nurkan Erpulat unter der Überschrift „Try to be Lulu“ mit Wedekinds berühmter Frauenfigur auseinandersetzen, die dem städtischen Bürgertum am Beginn des 20. Jahrhunderts so skandalös galt wie dem Österreich der Gegenwart. Ähnliches gilt für die Rolle des romantisch-egomanen Künstlergenies im Zeitalter neoliberaler Globalisierung, dem sich Ali M. Abdullah in seiner Inszenierung von Bertolt Brechts „Baal“ widmen wird.

Spielzeitthema

HEIMAT UND ARSCHLOCH