Wenn wir nicht wirklich sinnvolle Utopien anbieten können, wird das nicht mehr schön werden in der nahen Zukunft.
Ein Gespräch mit Regisseur Ali M. Abdullah

Mit „Aufstand der Unschuldigen“ machst du dich erstmals am WERK X an eine Stückentwicklung. Was war dein thematischer und inhaltlicher Ausgangspunkt?

Mein Ausgangspunkt war eigentlich Bertolt Brecht. Ich wollte ein Stück von Brecht machen. Dann habe ich nochmal viel von ihm gelesen und kam mehr und mehr drauf, dass man da schon einiges ändern müsste. Zeitgleich habe ich eine sehr schöne Aufführung in München gesehen, „Trommeln in der Nacht“ in der Inszenierung von Christopher Rüping. Und da war ziemlich spannend zu beobachten, wie der Regisseur es geschafft hat, Dinge zu ändern, ohne dass die Brecht-Erben einschreiten mussten oder auch einschreiten konnten. Diese Gratwanderung ist mir allerdings zu blöd, darauf habe ich keine Lust. Deswegen habe ich weitergesucht und dann ist mir Brechts „Kriegsfibel“ in die Hände gekommen, die kannte ich bis dahin gar nicht. Ich habe sofort gewusst, das ist ein spannendes Thema.
Bertolt Brecht hat im Exil in Dänemark die „Kriegsfibel“ verfasst. Er hatte dafür schon Ende der 1930er-Jahre begonnen, Fotos und Zeitungsausschnitte von Kriegsgräueln zu sammeln, und hat sie in dieser Fibel nun mit kurzen Vierzeilern versehen. Und das ist ziemlich radikal.
Und dann finde ich per Zufall ein Buch, das heißt „War Primer 2“, also quasi Kriegsfibel Nr. 2, gestaltet von zwei Künstlern, Adam Broomberg und Oliver Chanarin, die diese Brecht‘schen Text-Bild-Kompositionen wiederum mit heutigen Kriegsbildern überklebt und collagiert haben. Ihre Vorgehensweise ist sehr spannend, sie haben die von Brecht geschriebenen Vierzeiler in die Suchmaschine gegeben – und haben dann geschaut, was für Bilder ausgespuckt werden. Und daraus sind ziemlich skurrile, brutale, erschreckende Fotomontagen entstanden. Das hat mich sehr inspiriert, weil es die Gräueltaten dieser Welt, bei denen wir permanent zu- und wegschauen, nochmal vor Augen führen. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Und irgendwann dachte ich dann: Warum nicht mal einen Theaterabend versuchen, der von einem Bildband ausgeht. Es muss ja nicht immer ein Roman oder ein Stück sein. Es sind ja beispielsweise auch schon Theaterabende aus Platten von den Beatles entstanden. Das war sozusagen die Erstinspiration. Und dann habe ich mich mit meinem Team gemeinsam auf die Suche nach Material und Texten begeben, wir haben unzählige Interviews, Reportagen und Dokumentationen gelesen, angeschaut und gesammelt.

 

In dem umfangreichen Recherchematerial fand sich auch ein Artikel aus dem „Falter“ vom Frühjahr 2018, der sich mit dem Vorfall des österreichischen Militärs auf den Golanhöhen 2012 auseinandersetzte.
Wie empfindest du die Debatte rund um dieses Ereignis? Wurden die richtigen Fragen gestellt?

Du weist schon daraufhin, genau das ist das Problem. Der „Falter“ hat das Material, welches er zugespielt bekommen hatte, investigativ präsentiert. Die Frage darf ja nicht sein: Wie blöd sind Österreichs Blauhelme? Oder: Wie unerfahren sind die 20-Jährigen? Sondern vielmehr: Wie geht man im Nachhinein mit so einer Situation um? Es kann leider immer passieren, dass Fehlentscheidungen getroffen werden, von wem auch immer. Von den Soldaten, die vor Ort waren, oder von den übergeordneten Instanzen, die ja vermutlich auch befragt wurden und entscheidend Aufträge verteilt haben. Die Frage ist doch eigentlich: Kann man als Mensch da wegschauen oder muss man handeln?
Muss man, zumal wenn man eine friedensstiftende Aufgabe hat, zuschauen, wie 9 Menschen regelrecht abgeschlachtet werden, oder muss man da vorher agieren. Die moralische Frage ist meiner Ansicht nach vorrangig. Und ich finde das symptomatisch für ein Land wie Österreich, dass bei der Untersuchung, die durchgeführt wurde, niemand für schuldig befunden wurde und alles rechtskonform und „sauber“ ablief. Da gruselt mir schon vor dem Militär in Österreich, dass es nicht möglich ist, sowas auch moralisch aufzuarbeiten. Sondern dass man stattdessen nur militärintern sagt: Das ist alles richtig und wir haben unseren Auftrag erfüllt – die „Patienten“ sind allerdings leider tot. Das stinkt mir natürlich, und da muss man ansetzen: Was ist die moralische Verantwortung eines Menschen? Und nicht nur: Was ist der Befehl? Wie schön und wie deutlich und wie klar Befehle ausgeführt werden können, haben wir am Beispiel des Nationalsozialismus erlebt und das sollte uns nicht nochmal passieren.

 

Am 4. Oktober beginnen wieder die Donnerstagsdemonstrationen – viele werden für einen gesellschaftspolitischen Gegenentwurf auf die Straßen gehen. Wie kannst du die banale Formel des „Wir müssen etwas tun!“ für dich beantworten?

Mir persönlich geht es so: Ich beobachte in meinem engeren Umfeld immer mehr Gespräche, bei denen erwachsene Menschen sich fragen: Irgendwie stinkt mir diese Politik, alles geht den Bach hinunter, man müsste ja schon irgendetwas tun. Aber man tut nichts. Man ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Diese allgemeine Entwicklung spüre ich allerorten. Und dann gekoppelt mit der Frage: Was soll man denn tun? Was kann man denn tun? Aber auch weitergedacht: Was ist denn wirklich eine Lösung? Wie kann eine Vorbereitung aussehen, eine Idee zu einer Opposition? Zu einem Neinsagen, zu einem Widerstand? Was kann man denn tun? Das ist die zentrale Frage, die an diesem Abend verhandelt werden soll. Und vielleicht entsteht ja daraus, dass sich der*die Zuschauer*in zumindest länger damit beschäftigt und dann vielleicht sogar für sich auf eine Lösung kommt. Ich für meinen Teil komme nur zu Partikularlösungen, zu kleinen Lösungen oder zu Fragen. Ich sehe meine Aufgabe an diesem Theaterabend auch darin, Fragen zu stellen. Dennoch glaube ich, dass wir langsam Antworten brauchen. Die kritische Linke muss langsam aufhören, Fragen zu stellen, sondern Antworten geben, Lösungen vorschlagen.

 

Warum gelingt es den „undialektischen Linken“ (Bernd Stegemann) denn nicht, die Angriffe des Rechtspopulismus zu parieren?

Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass die Rechten Antworten geben, handeln und tätig sind. Und verändern und besetzen und zerstören. Und die Linken hinterfragen, analysieren, kritisieren und handeln nicht. Das ist der große Unterschied, und deswegen sind wir in so einem Dilemma. Nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa und der Welt. Die kritische Vernunft wird abgebaut, und es entstehen autoritäre Regime, Strukturen, Mechanismen und Systeme. Wenn wir nicht eine gemeinsame Linie finden, wie man dagegen auf- und antritt, wenn wir nicht wirklich sinnvolle Utopien anbieten können, wird das nicht mehr schön werden in der nahen Zukunft.

Spielzeitthema

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