Durchdachte Besonnenheit scheint rückstandslos den Schwanz einzuziehen.
Ein Gespräch mit Schorsch Kamerun

In Deutschland ging der Wahlkampf unlängst zu Ende – hier ist er während unserer Probenzeit gerade in der heißen Phase; wenige Tage vor unserer Premiere findet in Österreich die Nationalratswahl statt. Du bezeichnest dich hier gerne als Wahlbeobachter. Was sind deine Beobachtungen?

Schorsch Kamerun: Tatsächlich empfinde ich die Situation hier, im Gegensatz zu Deutschland wo ich mich „naturgemäß“ besser auskenne, als deutlich zugespitzter. Vielleicht auch vor dem Hintergrund, dass Deutschland ein stückweit länger von der Gegebenheit des Neopopulismus verschont geblieben ist. Wir haben da jetzt nicht die besseren oder schlechteren BürgerInnen oder PolitikerInnen, es hat bislang eben noch etwas weniger gepasst, aus unterschiedlichen Gründen. So könnte das mit dem Phänomen zu tun haben, welches man auch als „German Angst“ bezeichnet – jener noch höhere Schuldkomplex aus bekannten historischen Gründen – sodass ein schnelles Erstarken in eine auch rechts- und rückwärtsgewandte Richtung erstmal nicht ganz so sehr in Frage kommt. Oder besser kam, siehe AFD. Wenn man dagegen auf Belgien, die Niederlande oder zum Teil auch die skandinavischen Länder schaut, hat sich da ebenfalls etwas schwer festgesetzt. Frankreich ist noch mal eine extra Situation, Italien hat seine Berlusconi-Zerstörungen längst nicht überwunden. Und dann gibt es noch die osteuropäischen Länder, welche sich traditionell nicht genug wahrgenommen fühlen im Spannungsfeld der großen Ost-West Autoritäten. In Österreich – und das habe ich über die Jahre ganz gut verfolgt weil ich regelmäßig hier bin – werden Neopopulisten leider schon recht lang, für mich teils ordentlich irritierend, massiv gefeiert.
Wie lange ist der Aufstieg Jörg Haiders jetzt her? Jahrzehnte! Parallel konnte man im Übrigen das Erstarken der fremdenfeindlichen SVP des Unternehmers Christoph Blocher in der Schweiz beobachten. Jedenfalls, ich empfinde die drastische Generalvereinfachung hier unter anderem auch deshalb als so auffällig, weil die mediale Verstärkung auch eine ziemlich grelle ist – meines Erachtens noch intensiver als in Bildzeitungs-Deutschland – also durch die „Kronenzeitung“ oder die Gratisblätter in der U-Bahn beispielsweise. Diese werfen täglich Kohlen nach, zeichnen gern super kontra und genüsslich polemisch zu den – noch – gut vorhandenen Qualitätsmedien. Und das verbindet sich, jetzt mal klischeehaft ausgedrückt, mit der gehörigen Portion Pathos in der „hiesigen Mentalität“ – die ja in vielen, wenn auch eher anderen Bereichen, immer wieder super herrlich ist. Will sagen, die an dieser Stelle gemeinten „Meinungsmacher“ verstehen es vortrefflich immer neue aufstachelnde Scheiße übers Volk zu kübeln.

 

Stichwort Neopopulismus: Wieviel Inszenierung steckt denn im heutigen Politbetrieb? Wie hat sich das Selbstbild von PolitikerInnen diesbezüglich verändert?

Verpackung ist alles, danach jedenfalls wird aktuell gehandelt. Und zwar egal ob ein Auto verkauft wird, ein Baumarktpreisknüller oder eben Politik. Marketing ist King, bei allem was sich irgendwie in die Öffentlichkeit erheben will – und das muss Politik natürlich auch. Dahinter steckt die Denke von und der Glaube an aggressive „Power Promotion“ für Alle und Alles. Die Berater sind, oder handeln, exakt wie Werbeagenturen und haben längst verstanden, dass es nur mehr die supergrellen Bilder sind die durchkommen. Und das wird im so genannten „framing“, mit Auftrittssymbolen, welche hohe Reize auslösen, präzise voranalysiert. Hinzu kommt ein nüchternes Feilen an den „Personality-Parametern“, bei trashigen Werbe-Ikonen genauso wie bei Politkern: Hauptsache die „Loudness“ ist im Wettstreit um die kurzen Auftrittsfenster im knallroten Bereich! Wenn man es so betrachtet, ist der Neopopulist der einzige, der gerade in einen modernen Rennwagen steigt welcher gleichzeitig altmodischer Stammtischtraktor ist. Und das ist auch der Grund, warum wir einem so archaischen Kampf beiwohnen. Die Kandidaten, die auf diese erfolgversprechende Karte setzen, zeigen besonders grobe, aber dadurch besonders gut erkennbare Gesten vor. Somit erlebt auch der heroische Auftritt sein Comeback, Popstars tragen Tätowierungen als Kriegsbemalung, Fußballer Irokesenschnitte und der Kanzlerkandidat schaut eben möglichst verwegen in die Ferne, regelrecht Che Guevara-mäßig, egal ob der Protagonist jetzt ein beinharter Neokonservativer ist. Bei ihm kommen noch wüst behauptete, superepische Angstszenarien hinzu, mit – wahren oder völlig unwahren – Gruselvorschauen, welche nur er allein mit eiserner Hand in den Griff bekommen kann. Martialisches Brüllen hat Methode und Erfolg. Kaum jemand traut sich zu sagen: Wählen sie mich, auch aus dem Grund, weil ich derjenige bin, bei dem es nicht nur auf die allergrößte Knallerei ankommt.
Im Gegenteil, durchdachte Besonnenheit scheint rückstandslos den Schwanz einzuziehen. Und so lassen sich tief traditionelle Großparteien im Handstreich von einem Schmalhans mit einer extra neuen, pipidünnen Farbe überpinseln als hätten sie dadurch den Heiland eingekauft - und dieser macht es nur wenn er, und nur ER, das neue Wappen stellt, welches gerade noch eine tausendfache, uralte Gemeinschaft ausmachte: ME ARE THE WORLD, take it or leave it! Tatsächlich berührt mich das irgendwie, auch wenn ich politisch gar nicht so parteizugehörig ticke, wie die Beteiligten sich kopflos und scheinbar freiwillig verbrennen, sich zu Ducksklaven oder Facebook-Schrott herunter treten lassen. Generationenlang hatten sie mit Herzblut diskutiert, gestritten und sich wirklich engagiert, es fliegen ein paar narzisstische Blendraketen und Schwupps: Aus die Maus.

 

Wie sehr treibt dich politisches Geschehen in deiner Arbeit an und inwieweit ist für dich Kunst die Form des politischen Widerstands? Wie können heutzutage Formen des Protests aussehen? Oder anders: brauchen wir eine neue Protestkultur?

Danach suchen wir alle natürlich zu jeder Zeit. Es spielt sich auf diesem Feld aber auch wieder so ein ähnlich oberflächliches Szenario ab. Das was Protestkultur war, hat, neben den Idealen, auch mit einem äußeren Bild zu tun, logisch. Doch dieses äußere Bild ist immer schwerer deutlich erkennbar zu haben, weil es sich ebenso längst im Mainstream verspült hat oder alles von einer Dauererregungs- und Aufmerksamkeitsprofessionalität zugeklebt wird. Da lassen sich die klassischen, gegenkulturellen Bilder kaum noch zeichnen, weil sie längst irgendwo vereinnahmt und verwertet wurden.
Trotzdem glaube ich immer an Möglichkeiten, so kann der Widerstand auch ein physischer sein. Ich möchte damit gar nicht so mystisch die „Gewaltmonopolfrage “ stellen, sondern einfach sagen: OK, der Körper ist immer das letzte Mittel. Sei es im Rahmen einer Demo, bei zivilem Ungehorsam etwas blockieren etc. Ich meine es müssen bestimmte Räume verteidigt werden. Als Punker darf ich sagen, dass durch gelungene Irritationen solche Effekte erzielbar sind.
Nur haben sich ehemals wirksame Bilder und Symboliken auf eine Art teils umgedreht, mir scheint eine subtil hergestellte, nicht so leicht zu durchschauende Melancholie heute fetziger als ein breitbeiniger Auftritt, egal ob von einer Metalband oder einem Politclown vorgetragen. Diese Vorgänge wollen wir bei unser Konzertinstallation „Me are the World“ spiegeln – mit Bildern, Sound und Text ein System der Entfremdung zeigen, das hyperschnell und verwirrend komplex ist, bei gleichzeitiger Schockstarre. Alles wechselt heute rasend schnell, manchmal an einem Tag.
Gebrüll und Entspannungsversuch, Sirenen und Poesie. Wenn`s gut läuft kann dabei das feine Gedicht lauter sein als hundert aufgerissene Wutbürgerfratzen. Ich glaube jedenfalls es lohnt sich, nicht immer sofort hinterher zu hecheln, da ist der Erfinder immer schneller.

 

Du beschäftigst dich in unserem Abend „Me are the World“ auch mit der Suche nach der eigenen Identität. Wieso fällt es uns denn so schwer, uns mit bestimmten Gruppe zu identifizieren? Ist das ein Signum unserer Zeit?

Die Maschine ist selbstlernend und ihr schmeckt alles, scheißegal ob Freund oder Feind. Bio ist auch Biosupermarkt, kritischer Bürgerprotest gleichzeitig Stadtteilaufwertung, „Individuelle Alternativen“ können genauso Werbeslogans für Oberklassefahrzeuge sein. Geh zu einem Fußballclub den du liebst und wenn der erfolgreich sein will, muss er wohl das komplette Business mitspielen. Ich lebe auf St. Pauli und auch der FC St. Pauli, den wir aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr verehren, hat natürlich auch seine von schicken Werbeagenturen oder ballermannigen Kräuterschnapsfirmen betriebenen Promi-Logenplätze. Die schauen zwar für sich genommen unterschiedlich „originell und witzig“ aus  –  dennoch, die Dinge haben sich auch hier so angeglichen, dass zumindest mir es immer schwerer fällt mitzugehen bei vielen Sachen, obwohl ich überhaupt keinen Bock habe auf die ewige Nörglerrolle. Holt mich also ab bitte, ich will weiterhin geile, gemeinsame Action, die aber bitte nicht nur sich selber geil findet!

 

Die Fragen stellte Hannah Lioba Egenolf

Spielzeitthema

GRAND HOTEL ABGRUND