Dagegen sein – das war einmal cool. Dagegen sein war die Geste der Rebellen und Visionäre, die sich der herrschenden Macht in den Weg stellten. Die Ablehnung des Etablierten und Arrivierten war auch ein zentraler Impuls für avantgardistische und progressive Strömungen in der Kultur- und Ideengeschichte nicht nur in Europa. Aber auch jenseits der historischen Avantgarden gilt die Verneinung des Bestehenden zugunsten alternativer Möglichkeiten von Karl Marx bis Friedrich Hayek als Triebkraft jeder Entwicklung – und ist gleichzeitig konstituierend für jenen westlichen Dualismus, dessen binäre Sicht auf die Welt erst die Antagonismen geschaffen hat, mit denen die globale Gegenwart seit der Moderne zu kämpfen hat: Die Trennung von Subjekt und Welt, These und Antithese, Innen und Außen, „denen“ und „uns“.

Doch während Verneinung eine Bedingung für Innovation und kapitalistische Dynamik ist, die im Zeitalter einer alles vereinnahmenden Kultur globaler Marktkräfte mühelos in das Räderwerk der globalen Riesenmaschine integriert werden kann, ist sie als subjektive Regung nicht vorgesehen. Der deterritorialisierte Kapitalismus als einzig verbliebener Souverän der Gegenwart verlangt vielmehr, dass der Einzelne ihm stets positiv, frisch geduscht und gut gelaunt gegenübertritt, der Posterboy dieses Regimes der Gegenwart ist auch in der verwalteten Arbeitslosigkeit hoch motiviert und betrachtet noch jede prekäre Zumutung als „Herausforderung“. Wo die Totalitarismen des 20.Jahrhunderts an der Schöpfung eines neuen Menschen scheiterten, versucht sich die radikalisierte Marktwirtschaft daran, den Homo oeconomicus als von ihr geschaffenes Subjekt zu erzwingen.

Doch das Bedürfnis, radikal „Nein“ zu sagen, wächst rapide. Im Angesicht eines offensichtlich dysfunktionalen wirtschaftlichen Systems, dessen Maßnahmen zur Selbsterhaltung zunehmend aggressiv werden, erscheint die Suche nach Möglichkeiten, sich zu entziehen, mit jedem Jahr zwingender. Vor dem Hintergrund einer dramatischen Zuspitzung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, von der europäischen Flüchtlingspolitik über die verbreitete Zunahme von Fremdenhass bis zur aufgezwungenen Entdemokratisierung etwa in Griechenland, wächst das Bedürfnis, der herrschenden Ordnung ein lautes „Nein“ entgegenzusetzen.

Die kommende Spielzeit unternimmt Suchbewegungen im Feld der Negation. Von Schillers „Die Räuber“ bis zur österreichischen Erstaufführung von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hin zu (k)einer Konferenz zu dem Thema NEIN geht die Spielzeit 2015/16 den Möglichkeiten radikaler und weniger radikaler Negation nach.

Spielzeitthema

EURE ARMUT KOTZT MICH AN