„The old world is dying, and the new world struggles to be born: now is the time of monsters.”

Was der italienische Theoretiker Antonio Gramsci in den 1920er-Jahren zwischen sozialen Kämpfen und heraufziehendem Faschismus notierte, beschreibt zugleich die Gegenwart im Herbst 2016 verblüffend genau. Während die politische und gesellschaftliche Ordnung der Nachkriegszeit noch im Zusammenbruch begriffen ist, gebiert der rasante globale Wandel Monster, die an die dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte erinnern: Nationalismus, Chauvinismus und geistige Abschottung nach innen und außen scheinen international unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Was Donald Trump in den USA, das Brexit-Votum in Großbritannien und Präsidentschaftskandidaten mit blauen Kornblumen am Revers in Österreich eint, sind nicht nur offensichtliche Lügen, zur Schau gestellter Fremdenhass und kalkulierter Tabubruch, sondern stets auch der freche Bezug auf „das Volk“, auf die angeblich schweigende Mehrheit der einfachen Leute, deren Sprachrohr man eigentlich sei. Am deutlichsten spürbar wird das giftige Potenzial des Begriffs nach wie vor in Deutschland, wo sich Pegida und Konsorten auch 70 Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazireichs „das Volk“ als ethnisch homogene Schicksalsgemeinschaft erträumen, die es gegen allerlei fremde Invasoren zu verteidigen gelte.

Dabei bleibt „das Volk“ in seiner populistisch-postpolitischen wie in seiner völkisch-faschistischen Lesart zuvorderst immer: ein Phantasma, ein Fiebertraum eines verblendeten politischen Bewusstseins, in dem ein imaginäres kollektives Subjekt nach Auflösung der Widersprüche moderner kapitalistischer Gesellschaften qua Führerbefehl verlangt. Doch beschreibt der Begriff „Volk“ ursprünglich keineswegs nur die faschistische Schicksalsgemeinschaft von Volk und Führer. „Das Volk“ ist ebenso die widerständige, schwer regierbare Menge der Vielen, der demos, das solidarische, selbstbestimmte und streitbare Subjekt einer offenen Demokratie. Der Diskurs um „das Volk“ als angeblich schweigende, erzreaktionäre Mehrheit lenkt mithin nicht nur von einer tiefen Krise der zeitgenössisch-spätkapitalistischen Gesellschaft und ihrer Institutionen ab, er verschleiert auch den tatsächlich wachsenden internationalen Unmut gegen ein immer offener dysfunktionales System, der sich auch von den beschriebenen nationalistischen Störfeuern nicht blenden lässt. Das Subjekt dieses internationalen Widerstands ist nicht „das Volk“ – sondern die diverse Menge, deren Gestalt niemals abgeschlossen und deren Zukunft grundsätzlich offen ist.

Die WERK X-Spielzeit 2016/2017 widmet sich unter dem Eindruck der jüngsten politischen Ereignisse den unterschiedlichen Dimensionen des Begriffs „Volk“. Dabei steht die kritische Reflexion der zeitgenössischen Monster, der Neo-Nationalismen und Neo-Faschismen ebenso im Zentrum wie die Ausschau nach den Umrissen einer „kommenden Gemeinschaft“ (Giorgio Agamben), deren Signum die voraussetzungslose Zugehörigkeit ist, die schließlich das Bedürfnis nach Zugehörigkeit selbst aufhebt.

"Die Volksverräter" - Statements und Gespräche zum Leitmotiv

Übrigens: VORSICHT VOLK ist auch der Titel eines Buches, das Markus Liske und Manja Präkels im Verbrecher Verlag herausgegeben haben. Wir danken ihnen und dem Verlag für Ihr Einverständnis zur Verwendung dieses Titels, der so in die Zeit passt wie kaum ein anderer - und freuen uns, das Buch im Laufe der Spielzeit in Wien vorzustellen.

Spielzeitthema

VORSICHT VOLK