Die Menschheitsdämmerungen des melancholischen Monsieur Michel

Über den heimlichen Humanismus Michel Houellebecqs
von Klaus Nüchtern

Es gibt wohl nicht allzu viele Vorwürfe, die sich Michel Houellebecq in seiner rund zwei Jahrzehnte währenden Schriftstellerkarriere noch nicht hat gefallen lassen müssen. Dass er abseits der Frage, ob und inwieweit er nun tatsächlich ein Anti-Feminist, Anti-68er, Anti-Liberaler, Anti-Islamist, Sexist oder Eugeniker sei, jedenfalls einer der interessantesten Schriftsteller der Gegenwart ist, schien zuletzt ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein. Nicht ganz ohne Grund: Seit Clash-of-Culture-Roman „Plattform“ (2001), vor allem aber seine zähe post-humanistische Science fiction-Dystopie „Die Möglichkeit einer Insel“ konnten an den Erfolg und die Qualität von „Elementarteilchen“, mit dem er 1998 in Frankreich und drei Jahre später auch im deutschsprachigen Raum seinen Durchbruch feierte, nicht heranreichen. Fast schon hatte man Monsieur Michel als dauergrantelnden alten Sack abgeschrieben, da legte er mit „La carte et le territoire“ (2010) sein bestes Buch „zu Beginn des dritten Jahrtausends“ vor – um eine stehende Phrase aus dem Roman zu zitieren, die dessen zeitdiagnostischen Anspruch unterstreicht. Wie schon in seinem vorangegangenen Œuvre, setzt Houellebecq auch in „Karte und Gebiet“ (dt., 2011) auf einen Mix an Erzählung und Essayismus, dockt immer wieder an sozial- und naturwissenschaftliche, ökonomische oder kunsttheoretische Diskurse an.

Indem er seine Protagonisten, im vorliegenden Falle den Künstler Jed Martin, durch Objektive ganz unterschiedlicher Brennweite betrachtet, manchmal ganz nahe an sie heranzoomt, um sie danach wieder aus einer extremen Vogelperspektive zu zeigen, wird das individuelle Schicksal immer auch im Rahmen eines Kollektivs, zuletzt der ganzen Gattung gezeigt.

„Was definiert einen Menschen? Welches ist die erste Frage, die man einem Menschen stellt, wenn man sich nach seinem Zustand erkundigen will? In manchen Gesellschaften fragt man ihn zunächst, ob er verheiratet ist und ob er Kinder hat; in unseren Gesellschaften fragt man ihn als Erstes nach seinem Beruf. Den westlichen Menschen definiert vor allem seine Stelle im Produktionsprozess und nicht die im Fortpflanzungsprozess.“

Hier ist Houellebecq, dem man immer wieder eine Nähe zur politischen Rechten unterstellt hat, also ganz Marxist. Dort, wo es ihm beziehungsweise seinen Protagonisten um mehr Verteilungsgerechtigkeit in Sachen Glück geht, wechseln die Positionen. Der Versuch, die Kräfte der sexuellen Marktwirtschaft in Form einer streng reglementierten Rudelbumserei am FKK-Strand einzuhegen, wird in „Elementarteilchen“ mit gutem Grund als „sozialdemokratische Sexualiät“ bezeichnet. In „Plattform“ wiederum hat Houllebecq, der sich in „Ausweitung der Kampfzone“ (2000; frz. Original: 1994) noch als scharfsinniger Kritiker des (Neo)liberalismus in Wirtschaft und Sexualität erwiesen hatte, auf einmal die Segnungen der Marktwirtschaft entdeckt und im Sextourismus, der das Geld des sexuell frustrierten Westens in jene Teile der Welt pumpt, wo Menschen „kläglich verhungern, jung sterben, unter ungesunden Bedingungen leben und nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihre Körper und ihre intakte Sexualität“ auf einmal „die ideale Tauschsituation“ ausgemacht.

In „Karte und Gebiet“ nun sieht sich der Protagonist wieder auf den erotischen Binnenmarkt beschränkt – was seine Aussichten nicht unbedingt erhöht. Jed Martin ist nicht unattraktiv, aber eher klein und schmächtig und damit weit entfernt vom „Ideal des virilen Rohlings, der gut im Bett ist“ und das sich zu Beginn des dritten Jahrtausends wieder durchgesetzt hat. Zwar gönnt ihm der Autor wie schon seinen früheren Helden ein Verhältnis mit einer wesentlich jüngeren und attraktiveren Frau, aber zum einen ist es „nicht mehr das übersteigerte, fiebrige Glück junger Menschen“, sondern bereits „die Vorbereitung auf das epikureische, friedliche, gepflegte Glück ohne Snobismus, das die westliche Gesellschaft den Angehörigen der gehobenen Mittelschicht gegen Mitte ihres Lebens bietet“; zum anderen sind es – wie so oft – bloß „mehrere glückliche Wochen“. Ähnlich wie Raphaël Tisserand aus „Ausweitung der Kampfzone“ zählt Martin wirtschaftlich „zum Lager der Sieger; in sexueller Hinsicht zu den Verlierern.“ Als er einem berühmten Schriftsteller namens Michel Houellebecq als Honorar für ein umfängliches Katalogvorwort das Porträt überlässt, das er von diesem gemalt hat, steigt der Wert des Gemäldes im Lauf der Jahre von geschätzten 740.000 auf zwölf Millionen Euro. Der Autor selbst, den wir in einem sarkastischen Selbstporträt als abgestumpftem, wurstbrotfressendem Reptil begegnen („Houellebecq hatte seit Jeds letztem Besuch einen Bauch angesetzt, aber sein Hals und seine Arme waren noch immer so mager wie zuvor; er glich einer alten, kranken Schildkröte“), hat allerdings nichts mehr von der gigantischen Wertschöpfung: Seine ebenso grausam wie systematisch zerstückelte Leiche wird in neben derjenigen seines genauso brutal ermordeten Hundes gefunden.

Am Ende von „Elementarteilchen“ stand noch die durchaus ernstgemeinte Vision einer gentechnischen schönen neuen Welt, in der die Reproduktion einer geschlechtslosen (post-)menschlichen Gattung ohne Sexualität möglich geworden ist. In „Die Möglichkeiten einer Insel“ hat die Utopie des Klonens jeden verheißungsvollen Glanz verloren: Am Schluss irrt Daniel25 durch eine sehr unwirtlich gewordene Welt und beneidet seinen humanen Urahn um „die leidenschaftliche Liebe, die ihn beseelt hat.“

„Karte und Gebiet“ wiederum endet einmal mehr mit einer Menschheitsdämmerung: Der extrem erfolgreiche Künstler Jed Martin imaginiert in seiner letzten Werkserie, einer Reihe von gespenstisch mehrfachbelichteten Filmen, den finalen Triumph der Flora über den Menschen und seine Zivilisation. „Wenn die Bilder der Menschen, die Jed im Lauf seines irdischen Leben (sic!) begleitet haben, verwittern, sich zersetzen, In Fetzen auflösen und in den letzten Videofilmen gleichsam zum Symbol der allgemeinen Vernichtung der Menschengattung werden“, ergreift den Erzähler ein „Unbehagen“, ja schließlich ein „Gefühl der Verzweiflung.“ Wo andere im ökologisch verbrämten Selbsthass angesichts des Verschwindens der eigenen Gattung ein klammheimliches Vergnügen beschleicht, da wird Monsieur Michel melancholisch – und genau darin besteht sein heimlicher Humanismus.

Klaus Nüchtern leitet das Feuilleton der Wiener Stadtzeitung Falter. 2011 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik ausgezeichnet. Seine wöchentlich erscheinenden Kolumnen „Nüchtern betrachtet“ liegen in bislang fünf Bänden vor (zuletzt: „ok ist eh ok“, 2009). Sein Buch „Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie“ ist soeben bei Zsolnay erschienen.