CLAIM-SPIELZEITMOTTO

CLAIM-SPIELZEITMOTTO 2020/21: DER PREIS DES GELDES

Das Geld verschwindet aus unserer Welt. Das Geld ist unsere Welt. Das Bargeld, Geld in seiner körperlichen, anfassbaren Form wird abgeschafft – aber das System Geld, von manchen Kapitalismus genannt, hat die Welt in selbstbehaupteter Alternativlosigkeit durchseucht – und ist zur Quasi-Religion mutiert. Dabei sind der Globalkapitalismus und das Überleben der Spezies Mensch gar nicht vereinbar. Denn im permanenten Akkumulationszwang verheizt der funktionierende Kapitalismus seine eigene Lebensgrundlage – die Menschen und die Natur. Das war ihm eigentlich von Anbeginn an eingeschrieben – in Turbogeschwindigkeit transparent macht das aber der Hybridkapitalismus der digitalen datenverschlingenden Plattformmonopole und der algorithmisch gesteuerten onanistischen Finanzbörsen. Der Gegenwartsdruck im Zeitalter der präsentischen Echtzeitkommunikation verhindert, dass Wichtig noch von Unwichtig geschieden werden kann. Denken in Null und Eins ist nur scheinbar rational. Geld ist ein soziales Konstrukt, in seinem Kern versteckt sich der Glaube, nicht die Ratio. Wenn nur noch Preise, keine Produkte verhandelt werden, da kann schon mal eine Blase platzen. Wenn die Spekulation auf die Verluste anderer eigenen Gewinn verspricht, ist die Korrumpierbarkeit nicht nur eine pekuniäre. Wenn dem Gemeinwohl verpflichtete Strukturen durchökonomisiert werden, liegt der Fehler im System. Und wenn die Menschen auf ihre (ökonomische) Bemessbarkeit reduziert werden, dann sind wir ganz schnell bei der Frage: Was ist der Preis eines Menschen? Dann ist Triage nicht mehr nur ein Verfahren in überfüllten Spitälern, sondern gilt für die ganze Gesellschaft. Und die Bewertungs-Apps und Überwachungstools installieren wir freiwillig. Denn es gibt ja Punkte dafür. Oder Komfort. Oder Geld. Und solange die Netzwerke, über die wir Meinungen austauschen, kein Gemeingut sondern in privater Hand sind, solange werden auch Meinungen zur Ware gemacht. Dann zählt der Fake mehr als der Fakt. Und aus Hass kann auch Geld gemacht werden. Das hilft immer den neualten Autoritären, den neualten Totalitären. Und dann war’s das ganz schnell mit der Freiheit.

Bis dahin teilt das Geld die Menschen in zwei Klassen – die Konsum-Potenten und die Prekären. Und was schmutzig ist am Konsum und seinen (Liefer)Ketten, wird externalisiert in die Unsichtbarkeit. Je nach Perspektive an den Rand, an die Grenze, an die Peripherie. Die kann auf der anderen Seite der Erdkugel sein, da wo Wälder abbrennen für mehr billiges Fleisch. Oder Erze von Kinderhand abgebaut werden für unsere digitalen Spielzeuge. Oder der sorgfältig getrennte Müll auf hochgiftige Deponien geschifft wird. Oder auch schon jenseits des Gartenzauns. Auf den Erdbeer- oder Spargelfeldern. Hinter der Mauer der Fleischfabrik. Im Schlafsack unter der Brücke. Es gibt keine Unschuld im Kapitalismus. Aber im Zeigefinger auf unser Konsumverhalten allein wird Verantwortung schon wieder privatisiert. Geld bleibt ein nur scheinbares Versprechen für alle, das Kollektive spaltet, Solidarität korrumpiert und Ausbeutung und Unterdrückung unter immer neuen Namen perpetuiert. Auch der Kolonialismus war dem Kapitalismus von Anbeginn eingeschrieben. Und der ist nicht einfach Geschichte. Sondern eine sehr gegenwärtige Haltung der Dehumanisierung, der Verdinglichung von Menschen.

Solange die Profitmaximierung alles unterwirft und die Anbetung der permanenten Zirkulation des Geldes den Blick auf die Zukunft vernebelt, bleibt die Nicht-Nachhaltigkeit systemisch. Und wird Leben ausgebeutet und zerstört. Egal welche Konsequenz des Systems Geld man sichtbar zu machen versucht: die Stränge sind miteinander verknüpft. Die extreme soziale Ungerechtigkeit heute mit der gewaltsamen kolonialen Vergangenheit, die Migrationen mit dem Klimawechsel, die Pandemien mit dem Agrobusiness …  Was nicht heißt, das es einfache Erklärungen gäbe, so sehr sich das manche auch wünschen. Strukturelle Gewalt, ob gegen Mensch oder Natur, hat immer strukturelle Ursachen. Und Folgen. Aber Katastrophismus kann nicht die Konsequenz von Katastrophen sein. Denn der stützt wiederum nur das System. Und macht handlungsohnmächtig. „Our house is on fire“, sagt Greta Thunberg. Es brennt aber nicht nur unser Planet, sondern auch unsere Gesellschaft. Und die Brandbeschleuniger sind wir selber.