CLAIM-SPIELZEITMOTTO

THE ART OF BEING MANY

Körper sind porös. Körper schwitzen, sondern Flüssigkeiten aus. Körper sind fragil, verletzbar, endlich, zwangsläufig zerfallend. Körper atmen. Durch unsere Körper sind wir verbunden, ob wir wollen oder nicht. Das unabhängige, in sich abgeschlossene Individuum ist Fiktion. Körper sind immer politisch, denn Sein heißt Miteinander-Sein.

Wir sind viele. Aber was sind wir, wenn wir viele sind? „Wir“ ist keine Identität sondern Perspektive. Viele Perspektiven. Gesellschaft geht nur mit Anderen. Die Gesellschaft der unendlich Vielen. Aber Gesellschaft zerfällt zunehmend in Gemeinschaften. Oder Blasen. Algorithmusgenerierte Blasen. Blasen, die die Gesellschaft der Vielen nicht sehen wollen. Blasen, die im Real Life Gewalt ausüben können. Im Zeitalter der Echtzeitkommunikation 24/7 potenzieren sich Spaltungen mit pandemischer Geschwindigkeit. Konflikt ist gemeinsame politische Praxis. Die Commons müssen wieder und wieder neu ausgehandelt werden. Gerade weil unsere Idee von demokratischer Repräsentation in einer Zeit konzipiert wurde, in der nur wenige Menschen wenige Informationen über geringe Instanzen verbreiten konnten.

Check Your History! Jede Gesellschaft war und ist eine Gesellschaft der Migration. Das Konzept der kulturellen Homogenität war immer schon Illusion – gerne gefüttert durch die Konstruktion von Feindbildern. So wie das Konzept von Rasse das Ergebnis von Rassismus ist, nicht umgekehrt. Rasse ist Erfindung, aber Rassismus ist real. Die Gesellschaft der unendlich Vielen verändert sich permanent und ist trotzdem geprägt von ihren gewaltvollen Vergangenheiten. Patriarchale Gewalten, koloniale Gewalten, kapitalistische Gewalten. Vergangenheiten, die immer auch Gegenwart sind. In nicht-erzählten, ausgelöschten Geschichten, die sich in Körper eingeschrieben haben. In Strukturen, die sich in Institutionen spiegeln. In Diskriminierungen und Marginalisierungen. Auch im Unsichtbarmachen von Care- und Klick-Arbeit zum Beispiel. The Art of Being Many beginnt immer auch mit The Art of Listening. Ob Kollaboration, Kooperation oder Koexistenz – ohne Zuhören geht weder (Über)leben in Gemeinschaft noch in Gesellschaft. Zuhören ist eine politische Praxis.

Wir sind unendlich viele. Wir verändern uns permanent, weil wir viele im miteinander sind und weil wir viele in uns sind, und wir verändern, wenn wir unsere Vielheit sichtbar machen. Jede*r von uns ist viele. Gendern könnte statt strenges Reglement eine freudige Einladung in eine Zukunft sein, die die Gewalt der Binarität nicht mehr kennt. Denn wo immer Menschen zu einem Entweder-Oder gezwungen werden, herrscht Gewalt. „Lange habe ich geglaubt, dass nur Leute wie ich wirklich in der Scheiße stecken. Heute weiß ich, dass die Scheiße uns alle betrifft.“, sagt Paul B. Preciado. Diskriminierung muss sichtbar gemacht werden, wo immer sie geschieht, aber Vereindeutigung durch Kategorisierung in Schubladensysteme ignoriert die Menschen als Möglichkeitswesen. Diversity, die Menschen nur über Unterdrückungsmerkmale definiert, läuft in die neoliberale Falle.

Leben ist ein Zusammenspiel zahlreicher Lebensformen – menschlicher und nicht-menschlicher, von Mikro bis Makro – und keine Bezos-Kapsel oder Tesla-Rakete, erst recht keine transhumanistische Insel kann sich auf Dauer den Kreisläufen entziehen. Nationalismen und Mauern sind anachronistische Reaktionen auf planetare Probleme. Ob Klima, Zoonosen oder Artenvielfalt (und es werden noch viele Vokabeln dazukommen) – was wir tun, hat Auswirkungen – im Raum und in der Zeit. Alleine wird niemand überleben. „Die Welt gehört allen, die sie bewohnen, ob Menschen, Nicht-Menschen oder geologischen Kräften. Der Akt des gerechten Teilens ist der einzige Weg, die Existenz der Erde und die Existenz der Menschen zu sichern“ sagt Achille Mbembe, und Preciado ruft die Revolution der widerständigen Körper aus: „Wir wollen eine totale Staatsbürgerschaft, die sich durch das Teilen von Techniken, von Flüssigkeiten, von Samen, von Wasser, von Wissen definiert … Sie sagen Krise. Wir sagen Revolution.“